Strommarkt-Idee findet riesige Resonanz

Rund 70 Erzeuger Erneuerbarer Energien (EE) haben sich den 1. Bürgerinformationsabend zur Vision eines regionalen Strommarkts nicht entgehen lassen. Der Vortrag von Energieberater Josef Pauli brachte Licht ins Dunkel.

Der 1. Bürger-Informationsabend zur Vision eines regionalen Strommarkts war ein voller Erfolg: Rund 70 Erzeuger Erneuerbarer Energien (EE) haben sich den Vortrag von Energieberater Josef Pauli (Energie-Vision) aus Tittling nicht entgehen lassen, den die ILE in der Niederbayernhalle in Ruhstorf organisiert hatte. Nachdem Josef Pauli, der sich beruflich und privat seit Jahrzehnten mit der Energiethematik befasst, seine Präsentation beendet hatte, waren die Zuhörer um ein ganzes Arsenal an Informationen reicher. Allen wurde bewusst: Die Vermarktung von grünem Strom ist ein komplexes Thema.

Wie bringen wir künftig unseren Ökostrom an "den Mann"?
Wie bringen die EE-Erzeuger nach dem Wegfall der gesetzlichen Einspeisevergütung (EEG) ihren Öko-Strom „an den Mann“? Das ist die Frage, die den Betreibern von PV-, Biogas-, Windkraft- und Wasserkraftanlagen unter den Nägeln brennt. Wie verhindert man, dass die Anlagen abgeschaltet werden? Eine Frage, die auch die ILE an Rott & Inn umtreibt.

Um allen die gleiche Wissensgrundlage zu verschaffen, erklärte Josef Pauli zunächst die Grundbegriffe. Er stellte dar, wie Stromversorger, Netzbetreiber, Direktvermarkter und EE-Erzeuger miteinander interagieren, auf welche Abgrenzungen und Abhängigkeiten Anlagenbetreiber achten müssen. Zudem erklärte er, welchen gesetzlichen Regelungen der nur teilweise freie Markt unterliegt und wie Energieerzeuger diesen mitgestalten können.

ILE setzt Impuls für regionalen Strommarkt
Die Vision der ILE an Rott & Inn ist es, eine regionale Strombörse für erneuerbare Energien zu initiieren. „Unser Ziel ist es, dass unsere Bürger und Bürgerinnen den Sonnenstrom des Schuldaches oder des landwirtschaftlichen Stadels in der Nachbarschaft zu wettbewerbsfähigen Marktpreisen beziehen können“, erklärt ILE-Vorsitzender Andreas Jakob. Dazu planen die zehn kooperierenden Bürgermeister, eine Interessensgemeinschaft auf den Weg bringen. Um herauszufinden, wie die Zuhörer einer „IG Regionale Strombörse“ gegenüberstehen, teilte ILE-Managerin Dr. Ursula Diepolder auf der Veranstaltung einen Fragebogen aus. 45 Teilnehmer gaben ihn ausgefüllt zurück. „Das ist eine sehr gute Resonanz“, erklärt Ursula Diepolder hoch erfreut, „es zeigt, wie groß das Interesse und der Informationsbedarf in der Bürgerschaft sind“. Auf der jüngsten ILE-Beteiligtenversammlung stellte Ursula Diepolder den Bürgermeistern die Auswertung vor und informierte auch darüber, dass sich nach der Bildungsveranstaltung weitere Interessenten gemeldet haben: „Mittlerweile habe ich über 100 Erzeuger von grünem Strom auf der Liste. Die Kapazität ihrer Anlagen reicht von 1,9 kWp bis 3000 kWp. Gemeinsam haben sie eine Kapazität von rund 13.000 kWp. Bei einigen läuft die EEG-Umlage schon 2021 aus, bei anderen erst 2033.“ 

Was sich EE-Erzeuger von einer „IG Regionaler Strommarkt“ erhoffen
Die Auswertung der 45 Fragebögen ergab: 33 Veranstaltungsteilnehmer erwarten sich von einer Interessengemeinschaft (IG) einen Informationstransfer, 29 wünschen sich Beratungsleistungen, 28 einen besseren Strompreis, als wenn jeder als Einzelkämpfer verhandelt. 6 Teilnehmer könnten sich vorstellen, Einkaufsgemeinschaften zu gründen, etwa für Stromspeicher und neue EE-Anlagen. 30 Teilnehmer wollen, dass die geplante IG einen regionalen Strommarkt gründet. 30 EE-Anlagenbetreiber erwarten sich einen marktüblichen Preis für den von ihnen erzeugten Strom.

Kernaussagen des Energieberaters
Josef Pauli berät seit 20 Jahren Kommunen und Landkreise in Punkto Energiemanagement. Er ist Geschäftsführer der Elektrizitäts-Versorgungs-Genossenschaft Perlesreut eG. Seine wichtigsten Aussagen beim Vortrag:

  •   Energieversorgung ist gesetzlich eine kommunale Aufgabe, auch wenn sie ausgesourct wurde.
  • Es gibt eine Fülle von Energiemarkt-relevanten Gesetzen, die die Möglichkeiten der Vermarktung von Ökostrom beeinflussen.
  • Um die Wertschöpfung bei jedem Verbraucher zu lassen, ist deren Eigenversorgungsgrad zu steigern.
  • Ein Eigenversorgungsgrad der Kommunen von 65 Prozent mit Ökostrom bei allen Sektoren wäre sinnvoll und anzustreben. Um 100 Prozent – also tatsächliche Energie-Autarkie zu erreichen, müsste ein unverhältnismäßig großer Aufwand betrieben werden.
  • Es kommt auf einen guten Strommix von PV, Biogas, Wasserkraft, Geothermie etc. an.
  • EE-Erzeuger müssen sich für ein für sie passendes Messkonzept entscheiden. Es gibt Messeinrichtungen, die in beide Richtungen messen können (Strom einspeisen/beziehen), auch der Kostenfaktor ist zu berücksichtigen.
  • Da die Kosten der Stromerzeugung fix sind, der Börsenpreis für EE-Direktvermarkter aber schwankt, sollten sie selbst so viel wie möglich von ihrer eigenerzeugten Energie nutzen. Direktvermarktung kommt erst danach in Frage. Es gilt also, zunächst den Eigenverbrauch zu optimieren. Dabei könnten Nachbarn oder benachbarte gewerbliche Betriebe mitversorgt werden. Geld verdient wird über den Eigenverbrauch, da man dann weniger Strom aus dem Netz braucht. Der Preis, den EE-Direktvermarkter vom DStromlieferanten bekommen, ist abhängig vom Börsenpreis. Es ist unrealistisch, mehr als den durchschnittliche Quartalsbörsenpreis zu erwarten. D.h., es sind keine großen Gewinne zu erwarten.

Das sagen die Bürgermeister
„Ich als Anlagenbetreiber habe viel aus dem Vortrag gelernt. war am Ende klar, ich brauche eine Beratungsleistung. Und das können wir als ILE leisten“, erklärte Bürgermeister Stephan Dorn aus Neuhaus a. Inn. „Was die Leute machen, sollte jedem selbst überlassen werden. Wir können Beratungsleistungen anbieten“, meinte Martin Neun, 2. Bürgermeister von Bad Füssing. Die Rückmeldungen der teilnehmenden Bürgermeister Willi Lindner (Kößlarn), Franz Krah (Pocking), Georg Hofer (Malching) und Sieglinde Hofreiter-Scheibenzuber (2. Bürgermeisterin von Neuburg a. Inn) gingen in ähnliche Richtungen. Sie sind sich einig, als ILE Beratungsleistungen durch Experten für interessierte Bürger anbieten zu wollen. Ihre Vision bleibt, eine regionale Strombörse für das Gebiet der ILE oder des Landkreises Passau auf den Weg zu bringen. Die ILE wird eine solche Börse unter anderem aus rechtlichen Gründen nicht selbst gründen können. Die Bürgermeister sehen aber große Chancen in einer IG. Diese könnte – etwa zusammen mit einem der Stadtwerke und dem Netzbetreiber Bayernwerk – die Idee in die Tat umsetzen. Interessenten am Mitwirken in der Interessengemeinschaft können sich melden bei infobuero-diepolder.de.