Pauli legt den Finger in die Wunde – und stellt 200 Millionen Euro Umsatz in Aussicht

Energieberater rät der ILE an Rott & Inn zu kommunalen PV-Anlagen – Gemeinderäte werden informiert

Pocking. Die letzte Beteiligtenversammlung des Jahres hatte es für die elf Bürgermeister der ILE an Rott & Inn ganz schön in sich. Nicht nur, dass es mit ILE-Managerin Dr. Ursula Diepolder (Foto) zahlenmäßig viele Punkte auf der Tagesordnung zu bearbeiten gab. Auch inhaltlich waren die Themen fordernd und inspirierend zugleich.  Besonders das Impulsreferat von ILE-Energieberater Josef Pauli (Foto) wurde in der Stadthalle intensiv diskutiert.  

Pauli hatte berechnet, wie viel Platz für Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen jede einzelne ILE-Kommune bereitstellen müsste, um – bilanziell betrachtet – ihren gesamten Energiebedarf für Strom, Wärme und Mobilität selbst decken zu können und zusätzlich mit zehn Prozent anteilig die städtischen Gebiete mitzuversorgen. Dies alles unter der Voraussetzung, dass zuerst sichergestellt wird, dass die vorhandenen Flächen die Einwohner der Kommune zu 100 Prozent mit Nahrungsmitteln versorgen.

„Das ist schwere Kost für uns“, war die erste Reaktion von ILE-Vorsitzendem Andreas Jakob, Bürgermeister von Ruhstorf a.d. Rott, „wir befinden uns momentan in einer Situation, in der wir überhaupt keine landwirtschaftlichen Nutzflächen bekommen.“  „Bisher habe ich gedacht, wir wären in Kößlarn energetisch gut aufgestellt“, kommentierte Bürgermeister Willi Lindner konsterniert, „aber jetzt höre ich, dass ich in unserer Kommune noch weitere 50 Hektar PV-Anlagen unterbringen sollte. Ich weiß aktuell nicht, wo. Das ist problematisch!“

„Ja, das ist es. Aber wir dürfen die Augen nicht vor der Realität verschließen“, entgegnete Josef Pauli. Er empfahl den Kommunen, dringend Flächennutzungspläne für PV-Anlagen aufzustellen. „Wer eine Freiflächenanlage genehmigt, öffnet Tür und Tor für weitere Investoren-Anträge“, warnte Pauli. Es sei wichtig, in einem Flächennutzungsplan nicht die potenziellen Standorte auszuweisen, sondern die Menge der Anlagen/Hektar und deren Leistung“. Vor allem aber legte Pauli den ILE-Bürgermeistern die Gründung einer Genossenschaft und den Bau eigener PV-Anlagen ans Herz. Nur so habe man eine Chance, die Wertschöpfung beim Thema Energie in der Region zu behalten und sich stückweise unabhängig von großen Konzernen zu machen. Auf den Impulsvortrag hagelte es Fragen. Viele Wortmeldungen zeigten, dass der von Pauli vorgeschlagene Weg in vielerlei Hinsicht noch geprüft und hinterfragt werden muss. Wie lässt sich dieses Modell mit kommunalrechtlichen und wettbewerbsrechtlichen Bestimmungen vereinbaren? Zählt es zu den Aufgaben der Kommune, sich hier wirtschaftlich zu betätigen? Einige Bürgermeister befürchten einen zu großen Aufwand bei der Gründung einer Genossenschaft und scheuen das finanzielle Risiko. Was haben die Kommunen zu verlieren? Das wollten die Bürgermeister Stephan Dorn, Neuhaus a. Inn, und Franz Krah, Pocking, wissen. Pauli wurde gebeten, eine Risikoberechnung anzustellen. „Unsere Gremien müssen erkennen, welche Gefahren und Risiken der von Pauli aufgezeigte Weg birgt und welche Möglichkeiten er bietet“, schloss ILE-Vorsitzender Andreas Jakob. „Pauli legt den Finger in die Wunde. Wir müssen das Thema gut kommunizieren und Lösungswege bzw. mögliche Alternativen aufzeigen.“

 

So rechnet der Energieberater:

Würde die ILE vorhandene Energie-Einsparpotenziale nutzen und sämtliche Dächer im Schnitt zu 20 Prozent mit PV-Anlagen für den Eigenbedarf versehen, bräuchte die ILE in ihrem Gebiet immer noch 2.144 Hektar an Flächen für PV-Anlagen, also 195 Hektar pro Kommune. Schafft die ILE das Energie-Einsparen nicht, bräuchte sie 5.841 Hektar an Freiflächen-Anlagen, rechnete Josef Pauli vor. Sollte sich die ILE dazu entschließen, PV-Anlagen mit der Finanzkraft der örtlichen Bürgerschaft zu errichten, könnte sie damit – bei einem realistisch prognostizierten Strompreis von 7 Cent/kWH – 202 Millionen Euro Umsatz pro Jahr erwirtschaften. „Im Durchschnitt hätte jede Kommune pro Jahr 18 Millionen Euro Wertschöpfung“, sagt Josef Pauli. Zu berücksichtigen sei, dass der Strom hauptsächlich im Sommer produziert werde, so dass 50 Prozent des Energiebedarfs zum Ausgleich von Speicherverlusten zusätzlich produziert werden müssen. Zum Errichten und Betreiben ILE-eigener Anlagen empfiehlt Pauli die Gründung einer Genossenschaft, in die sich die Bürger mit einem festgelegten Anteil privat einkaufen. Impulsgeber müssten die Kommunen sein, die z. B. pro Bürger 1 Euro in die Genossenschaft einzahlen. Eine festangestellte Geschäftsführung müsse versuchen, freiwerdende landwirtschaftliche Flächen zu kaufen oder zu pachten. Ab einer Anlagengröße von 950 Hektar (427.500.000 kWp) würde sich der Betrieb kaufmännisch rechnen, verspricht Pauli. Die Flächeneigentümer könnten mit einer Rendite von mindestens 600 Euro/Hektar kalkulieren. Die Kommunen im Aufsichtsrat entscheiden, wo welcher Betrag investiert wird. Die Gewerbe-Einnahmen bleiben vor Ort.  Die gesamte Organisation erledigt das einzustellende Personal, das über die erzielten Einnahmen finanziert wird. Die Vorteile: Die Kommunalverwaltungen haben keine Arbeit, der Betrieb wird extern geführt. Grundstückseigentümer können die Wertschöpfung in der Region fördern und Bürger können vor Ort investieren und mitgestalten. Entlang der A94 habe man für PV-Anlagen enorme Gestaltungsmöglichkeiten, betonte Pauli und empfahl: „agieren statt reagieren“.